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Ziele:

Die Psychotherapieversorgung wird von einer Vielzahl unterschiedlichster Akteure wahrgenommen - von Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, Fachärzten für Nervenheilkunde, Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Fachärtzen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Psychologischen Psychotherapeuten, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Allgemeinmedizinern und Fachärzten, die eine fachgebundene Psychotherapie anbieten. Ebenfalls in dem Feld tätig sind noch weitere Berufsgruppen wie Sozialarbeiter, Pädagogen, Theologen und Heilpraktiker. Nicht nur für den Patienten ist es mitunter schwierig, sich hier zurechtzufinden. Im Rahmen des 2011 von der Bundesärztekammer (BÄK) ausgeschriebenen interdisziplinären Projektes „Die spezifische Rolle der ärztlichen Psychotherapie“ galt es herauszufinden: Wo steht die ärztliche Psychotherapie? Welches Profil hat jedes ärztlich-psychotherapeutische Fach aus der eigenen Sicht und aus Sicht der Patienten? Welche Leistungen werden von den verschiedenen ärztlichen Psychotherapeuten angeboten? Wie greifen die Schnittstellen der Versorgung ineinander? Die Stiftung für Seelische Gesundheit hat sich mit einer Förderung beteiligt und damit zur Umsetzung dieses wichtigen Projektes der Initiative zur Versorgungsforschung Spezifische Rolle der Ärztlichen Psychotherapie maßgeblich beigetragen.

Untersuchungsdesign:

Neben einer umfangreichen Literaturrecherche und Versorgungsdatenanalyse wurde die Fragestellung mit Experten auf einem Diskussionsforum thematisiert. Am 19. Oktober 2011 in Berlin diskutierten Vertreter unterschiedlicher Facharztgruppen über die aktuelle und zukünftige Rolle der ärztlichen Psychotherapie. Die Initiative zu Versorgungsforschung „Spezifische Rolle der Ärztlichen Psychotherapie“ hat aufbauend auf der Studie für die BÄK eine schriftliche Befragung in den drei Versorgungsregionen Mecklenburg-Vorpommern, Nordbaden sowie Westfalen-Lippe unter den niedergelassenen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen zu Fragen der psychotherapeutischen Versorgung durchgeführt. Die Auswertung der Befragung ist derzeit noch nicht abgeschlossen.

Ergebnisse:

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes machen deutlich, dass die im Psychotherapeutengesetz gegebene Definition die von Ärzten geleistete Psychotherapie nicht hinreichend beschreibt, weil diese nicht nur verfahrensbezogene Richtlinienpsychotherapie einschließt, sondern sich in hohem Maße evidenzbasierter störungsorientierter Methoden und störungsübergreifend eingesetzter Techniken bedient. Ärztliche Psychotherapie schließt eine hohe Flexibilität in Inhalt und Dosis angesichts der Schwere und Akuität der behandelten Störungen als auch des wechselnden und z. T. geringen Funktionsniveaus der behandelten Patienten ein. Schließlich kann der Ärztliche Psychotherapeut aufgrund seiner ärztlich-naturwissenschaftlichen Grundausbildung Psychotherapie in einen Gesamtbehandlungsplan einbauen und mit medikamentösen sowie sozialtherapeutischen Interventionen kombinieren. In den Versorgungsdaten spiegelt sich zudem wider, dass der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, ähnlich wie der Facharzt für Nervenheilkunde, sich zur Sicherung der Versorgung in einer Region gefordert sieht, eine hohe Anzahl von Menschen aus dem gesamten Spektrum psychischer Erkrankungen zu behandeln, die besonders individuelle Behandlungsheurismen erfordern. Er erbringt die ganze Bandbreite psychotherapeutischer Leistungen vom psychotherapeutischen Gespräch bis hin zu den antragspflichtigen Leistungen, vom zeitlich definierten Rahmen der Richtlinienpsychotherapie bis hin zur lebenslangen niederfrequenten Behandlung von Patienten mit besonders schwerwiegender Chronifizierung. Sehr deutlich machen die Versorgungsdaten, dass die gegenüber anderen psychotherapeutisch tätigen Berufsgruppen vergleichbar sehr hohe Fallzahl (ca. achtmal so hoch; in Ostdeutschland noch höher) auf Kosten der Intensität der Behandlung pro Patient geht.

Schließlich unterscheiden sich die Facharztgruppen untereinander und von Psychologen bei manchen Gemeinsamkeiten in bedeutsamen Aspekten - wie im Selbstbild oder dem Bild, das Patienten von ihnen haben. Die Patienten selbst haben Schwierigkeiten die spezifischen Profile unterschiedlicher „Psychotherapie-Anbieter“ zu unterscheiden. Einzig das negative Bild eines rein pharmakologisch behandelnden Psychiaters scheinen Patienten mitunter auf Ärztliche Psychotherapeuten zu übertragen. Die Mitglieder der Initiative kommen deshalb zur Schlussfolgerung, dass Patienten besser über pharmakologische Behandlungen informiert werden sollten, wie etwa dass diese alleinig selten, häufig aber begleitend zu einer Psychotherapie und bei entsprechender Indikation sinnvoll sein kann. Weiteres Ergebnis der Studie ist, dass in der gegenwärtigen Gebührenordnung, die von Ärzten geleistete Psychotherapie nicht in ihrem vollen Spektrum hinreichend abgebildet ist. Vielmehr ergibt sich eine Begünstigung für Richtlinienpsychotherapien und eine vergleichsweise schlechte Honorierung für bedarfsgemäße psychotherapeutische Gespräche, die sie etwa die oft jahrelange Begleitung von schwer und chronisch psychisch Kranken erfordert.
Folgende Schlussfolgerungen sind in Hinblick auf notwendige Maßnahmen zu ziehen:

  • Die künftige Profilierung der Psychotherapie durch Ärzte bzw. die Ärztliche Psychotherapie muss schärfer herausgearbeitet werden.
  • Es werden genauere Untersuchungen zu quantitativen und vor allem qualitativen Merkmalen der psychotherapeutischen Tätigkeit benötigt, die vor allem ein genaueres Bild der fachärztlichen Gesprächsleistungen entwerfen können.
  • Die einzelnen an der psychotherapeutischen Versorgung beteiligten Berufsgruppen sind gefordert, ihr Selbstverständnis als ärztliche Psychotherapeuten und ihren Beitrag zur psychotherapeutischen Versorgung präziser herauszuarbeiten.

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